Zum Haupt-Inhalt

Autor Thema: Parteirhetorik zur „Wahrheit“.

  • *****
  • Mitglied
  • Beiträge: 48
    • Saarland
Parteirhetorik zur „Wahrheit“.
Post öffnen: 02 Juni , 2020, 23:46:44
 Parteirhetorik zur „Wahrheit“.

Zu behaupten, die „Wahrheit“ zu kennen, war noch zu keiner Zeit eine kluge Verhaltensweise. (vgl. Platons Höhlengleichnis); und besonders verhängnisvoll ist die Behauptung, „die (einzige) Wahrheit“ zu kennen. „ Sag immer die Wahrheit…und dann renn!“, lautete der Lieblingsspruch meines Opas, und dies war mir immer ein nützlicher Ratschlag.

Noch ungünstiger ist hier die Rhetorik: „Wacht endlich auf“ als kategorischer Imperativ, der hier allzu oft von einem „angeblich Erwachten“ allen „Tiefschläfer“ überheblich und vorwurfsvoll offeriert wird. Besser wäre hier Sammy D. zu zitieren: „Weck mich auf, aus diesem Alptraum!“

Traditionell stammt die Bezeichnung des „Erwachens“ aus den Geisteswissenschaften und bedeutet: den spirituellen Akt zu vollziehen, zu einem geistigen Leben zu erwachen. Ein Leben, dass durch die eigene Geistigkeit bestimmt ist; - und im Ideal in ein selbstbestimmtes Leben mündet. Man erwacht also zur eigenen Geistigkeit und ergo: Man erwacht nicht „zur Wahrheit“; und schon gar nicht „zur einzigen Wahrheit“.

Dieser Rhetorik begegnet man in unseren Foren überall. Und Ich halte diese, nicht nur politisch, für extrem problematisch und deshalb möchte ich mich hiermit von allen Parteimitgliedern distanzieren, die nicht bereit sind diese Rhetorik aufzugeben. …und zwar durch höfliche Ignoranz.
  • IP aufgezeichnet

  • *****
  • Moderator
  • Mitglied
  • Beiträge: 144
    • Facebook support
Parteirhetorik zur „Wahrheit“.
#1: 12 Juni , 2020, 15:42:06
Kann dir in Vielem zustimmen. Der Meinung zu sein, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein, egal ob "erwacht" oder nicht, ist immer gefährlich. Was ich schon häufig beobachtet habe: Leute, die irgendwann schockiert erkannt haben, dass sie von ihrer Regierung belogen und betrogen werden, deren Weltbild dadurch komplett erschüttert wurde, haben eine gewisse Tendenz, plötzlich gar nichts mehr (oder wenig) zu glauben, was ansonsten aber breiter Konsens, oder gut belegte Wissenschaft ist.

Es besteht dann eine gewisse Tendenz, allerlei Geschichten auf den Leim zu gehen, die mal absichtlich, mal aus Idiotie gestreut werden. Die Grenze von grenzdebilem Unfug wie flat-earth, über weitgehend haltlose Geschichten mit einem Körnchen Wahrheit, hin zu gut belegten Verschwörungen, die medial aber als völlig haarsträubende Theorie abgetan werden, ist fließend, und wird auch von manchen Interessensgruppen absichtlich verwischt. Das einzige was hilft ist da wirklich eine ganz saubere kriminalistisch-wissenschaftliche Betrachtungsweise. Dazu Bedarf es viel Zeit für Quellenstudium, solide naturwissenschaftliche Grundkenntnisse (die gerne völlig überschätzt werden) und insbesondere die Bereitschaft, innere Überzeugungen immer nur als Arbeitshypothese zu betrachten, jederzeit bereit, diese bei besserer Evidenz gnadenlos über Bord zu werfen.

Irgendwo daran scheitert es meistens bei der Meinungsbildung, und da sollte sich wirklich auch jeder selbst an der Nase fassen, wie solide sein eigenes Weltbild und die Meinung zu vielen politischen Einzelthemen wirklich unterlegt ist.
  • IP aufgezeichnet

  • *****
  • Mitglied
  • Beiträge: 292
  • Bayern
Parteirhetorik zur „Wahrheit“.
#2: 12 Juni , 2020, 21:53:58

Je mehr ich weiß, umso mehr weiß ich, dass ich nichts weiß.


https://anthrowiki.at/Ich_weiß,_dass_ich_nichts_weiß


  • IP aufgezeichnet
evolutionstheorie - wissenschlaftler bauen ihr forschen auf diese theorie auf, könnte auch sagen (ver)schwören (sich) drauf -
wer ist der verschwörungstheoretiker ?

S

SchwertAs

Parteirhetorik zur „Wahrheit“.
#3: 25 Juni , 2020, 12:28:48
Wahrheit ist für mich das a priori existierende "Das was ist", das wir als Menschen aber nur mangelhaft und leider auch nur sehr unterschiedlich wahrnehmen können. Daher gibt es viele felsenfeste Überzeugungen was wahr ist - die Überzeugungen entsprechen ja der eigenen Wahrnehmung. Diese sind aus der Sicht des einzelnen jeweils berechtigt.

Die verschiedenen Sichten machen jedoch ein Zusammenleben und ein sich Einigen auf eine bestimmte Sicht auf die Wahrheit schwierig. Deshalb braucht es die Fähigkeit des Einzelnen, das Denken des Anderen nachzuvollziehen.

Vor jeder Erwiderung sollte also mit hoher Achtsamkeit der Gedankengang des Vorredners vom Erwiderer innerlich nachgestellt werden. Damit erkennt man die Denkstrukturen des Redners. Das hilft auch verständlich für den Redner zu argumentieren, wenn man innerhelb des Wertesystems des Redners bleibt. Das muss nicht heissen, dass man das selbe Wertesystem teilt, man benutzt nur die Sprache des Empfängers.

Eine Einigung auf eine zumindest weitgehend ähnliche Sichtweise auf "Das was ist" ist für Gemeinschaften unabdingbar. Deshalb versuchen ja jegliche Nachrichten eine Art "Legendenbildung" also eine vorgegebene Interpretation der Ereignisse herzustellen. Würde das nicht geschehen, käme es zu einem Megapluralismus, in dem man sich schon auf die einfachsten Dinge nicht mehr einigen könnte.

Das Problem ist schon sehr lange bekannt. Unter Anderem exitiert dazu auch die Geschichte von der babylonischen Sprachverwirrung in der Bibel.

Wie kommt man nun ohne obrigkeitlichen Dirigismus (Legendenbildung durch Mainstreammedien) zu gemeinsamen "Legenden" über "Das was ist"? Um das zu beantworten bin ich unter Anderem hier in diesem Forum. Ich muss dazu sagen, dass ich dafür für mich noch keine Antwort finden konnte.
  • IP aufgezeichnet

S

Spatz

Parteirhetorik zur „Wahrheit“.
#4: 25 Juni , 2020, 14:56:06
Wahrheit ist für mich das a priori existierende "Das was ist", das wir als Menschen aber nur mangelhaft und leider auch nur sehr unterschiedlich wahrnehmen können. Daher gibt es viele felsenfeste Überzeugungen was wahr ist - die Überzeugungen entsprechen ja der eigenen Wahrnehmung. Diese sind aus der Sicht des einzelnen jeweils berechtigt.

Die verschiedenen Sichten machen jedoch ein Zusammenleben und ein sich Einigen auf eine bestimmte Sicht auf die Wahrheit schwierig. Deshalb braucht es die Fähigkeit des Einzelnen, das Denken des Anderen nachzuvollziehen.

Vor jeder Erwiderung sollte also mit hoher Achtsamkeit der Gedankengang des Vorredners vom Erwiderer innerlich nachgestellt werden. Damit erkennt man die Denkstrukturen des Redners. Das hilft auch verständlich für den Redner zu argumentieren, wenn man innerhelb des Wertesystems des Redners bleibt. Das muss nicht heissen, dass man das selbe Wertesystem teilt, man benutzt nur die Sprache des Empfängers.

Eine Einigung auf eine zumindest weitgehend ähnliche Sichtweise auf "Das was ist" ist für Gemeinschaften unabdingbar. Deshalb versuchen ja jegliche Nachrichten eine Art "Legendenbildung" also eine vorgegebene Interpretation der Ereignisse herzustellen. Würde das nicht geschehen, käme es zu einem Megapluralismus, in dem man sich schon auf die einfachsten Dinge nicht mehr einigen könnte.

Das Problem ist schon sehr lange bekannt. Unter Anderem exitiert dazu auch die Geschichte von der babylonischen Sprachverwirrung in der Bibel.

Wie kommt man nun ohne obrigkeitlichen Dirigismus (Legendenbildung durch Mainstreammedien) zu gemeinsamen "Legenden" über "Das was ist"? Um das zu beantworten bin ich unter Anderem hier in diesem Forum. Ich muss dazu sagen, dass ich dafür für mich noch keine Antwort finden konnte.

Für mich käme es darauf an, unterschiedlichste "Wahrheiten" miteinander zu verbinden (also nicht, sich für eine zu "entscheiden"), indem man die dahinter liegenden Bedürfnisse (unabhängig von der verbalen Kommunikation) zu erkennen versucht. Die dürften nämlich einander letztlich sehr ähnlich sein.....
  • IP aufgezeichnet

S

SchwertAs

Parteirhetorik zur „Wahrheit“.
#5: 25 Juni , 2020, 15:03:45
Für mich käme es darauf an, unterschiedlichste "Wahrheiten" miteinander zu verbinden (also nicht, sich für eine zu "entscheiden"), indem man die dahinter liegenden Bedürfnisse (unabhängig von der verbalen Kommunikation) zu erkennen versucht. Die dürften nämlich einander letztlich sehr ähnlich sein.....

Die Interpretation der Wahrheit den eigenen Bedürfnissen unterzuordnen halte ich für falsch. Man sollte Bedürfnisse direkt benennen und nicht über die Verbiegung der Wahrheit äußern. Das führt zu unnötiger Unruhe und Glaubenskämpfen, statt zu einem Ausgleich der Interessen. Zudem kann man sich in einer gemeinsam ähnlich gedachten Welt auch leichter einigen, da der Inhalt der interessensausgleichenden Vereinbarung auch ähnlich interpretiert werden wird.
  • IP aufgezeichnet

S

Spatz

Re: Parteirhetorik zur „Wahrheit“.
#6: 25 Juni , 2020, 20:24:30
Für mich käme es darauf an, unterschiedlichste "Wahrheiten" miteinander zu verbinden (also nicht, sich für eine zu "entscheiden"), indem man die dahinter liegenden Bedürfnisse (unabhängig von der verbalen Kommunikation) zu erkennen versucht. Die dürften nämlich einander letztlich sehr ähnlich sein.....

Die Interpretation der Wahrheit den eigenen Bedürfnissen unterzuordnen halte ich für falsch. Man sollte Bedürfnisse direkt benennen und nicht über die Verbiegung der Wahrheit äußern. Das führt zu unnötiger Unruhe und Glaubenskämpfen, statt zu einem Ausgleich der Interessen. Zudem kann man sich in einer gemeinsam ähnlich gedachten Welt auch leichter einigen, da der Inhalt der interessensausgleichenden Vereinbarung auch ähnlich interpretiert werden wird.

Ich rede nicht von Verbiegen - und auch nicht von "eigenen" Bedürfnissen.
Warum jemand etwas sagt, ist ebenso ein Fakt, wie das, was er sagt.
Und welcher "Wahrheit" sich jemand zuwendet, wird zu einem Teil von genau diesen Bedürfnissen/Prägungen/Erfahrungen bestimmt.

  • IP aufgezeichnet